Auf meine - zugegebenermaßen sehr bescheidene - Art versuche ich ja seit einigen Jahren, die Welt zu retten: Meistens kaufe ich regionale Lebensmittel oder wenigstens in Bio-Qualität sowie möglichst solche Kleidung und Schuhe, die wenigstens irgendwo in Europa hergestellt wurden. Ich sage möglichst, denn ich konnte die wunderbar warme, marineblaue Cordhose von Boden "Made in China" einfach nicht wieder zurückschicken, sie ist allzu hinreißend. Und bei meinem heißgeliebten Caotina-Kakaopulver denke ich lieber auch nicht dran, von wem die Kakaobohnen geerntet wurden ...
Zum Komplex "Made in China" hab ich grad jüngst "Ein Jahr ohne 'Made in China'" von Sara Bongiorni gelesen. Uiuiui, die Ärmste war teilweise mächtig in der Bredouille und zwar nicht nur, weil sie zwei kleine Kinder beruhigen musste, die plötzlich so gut wie ohne Spielzeug oder Kleidung waren. Ein solches Unterfangen scheint in USA sogar noch einen ganzen Ticken schwieriger zu sein als hierzulande, wo wir immerhin fast für alles eine Alternative haben, wenn ich beispielsweise statt des Billigplastikmehlsiebs auch die chromblitzende Made-in-Germany-Variante kaufen kann, wenn halt locker für den dreifachen Preis. Dabei ist mir übrigens aufgefallen, dass mächtig hinterhältig die Bezeichnung "Made in PRC" auf dem einen oder anderen Produkt prangt - da ist schon eine gewisse geistige Transferleistung vonnöten, um das Akronym zu knacken.
Frau Bongiorni wird mit der Zeit recht kreativ, um Einkaufshürden zu umgehen. So kauft sie z.B. Waren aus Taiwan und Hongkong, wo jeder Mensch in China, fragte man ihn, ob diese ein Teil Chinas seien, ohne zu zögern wild nicken würde. Oder sie bittet gleich die Verwandtschaft, den lieben Kleinen zum Geburtstag ein Gummiplanschbecken zu schenken, was ihr in hin und wieder endlos anmutenden 365 Tagen nicht möglich wäre. (Durch die Lektüre deutlich sensibilisierter in der Welt unterwegs, ist mir bei der Gelegenheit immerhin aufgefallen, dass es bei Ikea tatsächlich auch Plastikdosen made in Italy gibt. Wo hätte ich das vorher geahnt?!) Und wer würde bei Mandarinen aus der Dose gleich dran denken, dass die aus China kommen? Als gäb's in Mexiko - sozusagen um die Ecke - keine?
Wahre Stoßgebete sendet sie aus, was elektronische Geräte angeht, denn was sollte sie tun, wenn es den Fernseher, das Telefon oder den Rechner fetzt, da es schon kaum möglich ist, eine Druckerpatrone ohne chinesische Bauteile zu bekommen? Dumm aus der Wäsche gucken, um es mit fünf Worten zu sagen. Sehe ich ja leider auch bei meiner eigenen IT-Landschaft und Unterhaltungselektronik. Da bringt es auch nichts, wenn sich die Teile mit dem angebissenen Kernobst drauf ein "Designed in the U.S.A." reinfräsen.
Das bringt mich zu meinem Taschenfon, das ja mittlerweile fast schon ein Retroteil ist. Nachdem ich gestern den wohl schlimmsten Kurzfilm meines Lebens gesehen habe, habe ich mir vorgenommen, nicht nur das Flossi, sondern ab sofort auch alle anderen Geräte in meinem Haushalt, für die u.a. Coltan benötigt wird, so lange zu benutzen, bis sie restlos auseinanderfallen, damit wenigstens ich nicht losziehe, um dauernd neues Zeug zu kaufen, dessen Herstellung wiederum Coltan erfordert.
Die Warnung, dass man aufgrund drastischster Szenen mindestens 18 sein muss, um den Film auf www.unwatchable.cc anzugucken, ist durchaus ernst zu nehmen - ich bin schon fast dreimal so alt und war erschüttert, bin es immer noch. Normalerweise bin ich durchaus hart im Nehmen, aber diese 6 Minuten sind entsetzlich anzuschauen. Homo homini lupo. Sollte es irgendwo da draußen Außerirdische geben, sind die hoffentlich weiterentwickelt als wir, was Respekt vor dem Leben angeht ...